The Kids Are All Wrong

Eigentlich sollte heute etwas zum Thema Schreibblockade kommen – ironischerweise hat sie mich selbst gepackt. Daher heute recycletes Material. Diesen Text schrieb ich, als ich mal sehr wütend auf meinen Job, meine Generation und die Instagramwelt war. Was passiert, wenn man die Welt retten will, aber vielleicht erstmal sich selbst retten soll.

Die Welt kann dich nicht brauchen, wenn Du nicht so bist wie die anderen.

Blass siehst Du aus, sagen sie. Du musst dich einfach mal ausruhen. Kein Wort davon, wie das gehen soll. Vielleicht sollte ich mir einfach zwei Gurkenscheiben ins Gesicht klatschen und dazu Walgesänge hören, solange dafür keine Wale zum Singen gezwungen wurden, das wäre mir nicht recht.

Velleicht lenkt mich das ja davon ab, dass ich nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll. Dass mir keiner eine Gebrauchsanleitung für das Leben geben wollte, keinen How-to Guide, nicht mal eine Liste mit den 10 besten Tipps zum glücklich sein. Sowas kann man nicht nachlesen.

Und das alles ist nicht wahr, denn diese Guides, die gibt es, man muss nur danach suchen und dann stehen da so Sachen wie: Du musst mit dir selbst im Reinen sein, dir nicht so viele Sorgen machen, dich ablenken, einfach mal was für dich tun. Dich so annehmen wie du bist, das braucht Zeit.

Gleichzeitig ist da aber kein Platz fürs Warten, für die, die sich einfach nicht so schnell drehen wollen wie alle anderen. Oder doch? Ich könnte einfach bei einer Behörde anfangen und mich hauptberuflich langweilen, dann hätte ich mehr Zeit für mich. Wenn ich nicht immer nach dem Sinn suchen wollte, und der Sinn einer Sinnsuche ist doch, dass man irgendwann auch mal was findet, oder nicht?

Ich würde ja gern über den Tellerrand rausschauen, damit man mir zumindest keinen Egoismus vorwerfen kann, aber da ist kein Teller und auf der Suche nach meinem eigenen, ganz persönlichen Teller geht eine Menge Porzellan kaputt.

Ich schaue in den Spiegel. Du bist mir so ähnlich.

Ich mache einen Handstand, denn wenn die Welt ja angeblich so verkehrt ist und ich schau sie mir von unten an, dann ist doch alles wieder richtig, oder?

Ich bin eine Ressource. Ich bin Zeit, ich bin Geld, positiv, negativ. Eine Bilanz. Du bist so viel Wert, wie du mitbringst, dein Wert berechnet sich ganz simpel aus der Summe deiner Leistung. Mehr Leistung, mehr Liebe, mehr “Schau, was sie alles schafft, ich wär gern wie sie.” Du handelst mit meinen Rohstoffen, meinen Gefühlen, mit Dingen, die du nicht greifen kannst.

Hör auf, mir nachzueifern. Du darfst mich nicht bewundern. Ich bin ein Kartenhaus, so unbeständig, du sollst dich nicht an mir festhalten. Ich hab Angst, fett zu werden, während da drüben Menschen nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Ich hab Angst, dass mein Job nicht cool genug ist für meine Freunde, während weit weg von mir jemand stirbt, weil auf “Ist hier jemand Arzt” nur jemand antwortet, wenn vorher einer mit ein paar Scheinen winkt.

Ich bin keine Ressource. Ich hab keine Zeit, kein Geld, keine Kraft, ein Zahnrädchen im Getriebe deiner Macht zu sein. Ich bin nicht dafür gemacht, eine Marionette zu spielen, die wieder und wieder dieselbe Figur vortanzt, in der Hoffnung, dass das Leben schon möglichst gut und möglichst rasch vorbei geht. Wir handeln mit Rohstoffen, mit Gefühlen, mit Dingen, die man schon längst nicht mehr greifen kann. Ich kaufe mir Dinge, die ich nicht haben will.

Bist du auch noch wach? Man hat mir gesagt, dass es jetzt so läuft, das mit dem Herzen vergeben und dem Wischen, links, rechts, bloß nicht nach oben  und lösch dich bitte, weil dein Fair-Trade-Kaffee irgendwann doch nicht mehr so spannend ist.

Ich trinke gar keinen Kaffee. Aber wenn was knapp ist und teuer war, dann will ich doch auch ein Stück davon haben. Und wenn etwas so underground ist, das auf einmal alle das haben, dann will ich doch auch dabei sein. Ich hab’s gesehen, jedem geht es besser als mir, und jeder lässt sein Leben so leicht aussehen, wieso schaffe ich das nicht? Ich will ein Stück von ihrem Glück haben.

Ich bin ein Teil der Generation Nichtskönner, wir haben alles, wollen noch mehr und sind nicht bereit, dafür irgendwas zu geben. Dann wollen wir noch etwas Mitleid, war schließlich doch irgendwie leichter für unsere Eltern, als man noch gesagt bekam, wer man zu sein hatte.

Nie war es leichter, sich schneller und öfter selbst zu erfinden. Meinetwegen kannst Du jeden Tag so tun, als seist du jemand anderes, nur zu. Du kannst alles sein, was du willst. Macht dich das glücklich? Suchst du noch?

Wir werden niemals zufrieden sein, wenn wir uns vorspielen lassen, dass das Leben aus 24/7 am Strand und der perfekten Figur besteht. Dem Freund, den man sich nach seinen Vorstellungen ins Bild photoshoppt, weil einen im echten Leben eh keiner haben will. Den immer neuen Rollen, die wir uns aussuchen, weil wir sie irgendwo mal so gesehen haben, und sie haben so geleuchtet, da mussten wir hinterher.

Ich geb dir ja Recht, wir sind schwierig. Aber hör auf, eine ganze Generation anzuklagen, wenn du gar keinen Platz mehr machst für die, die raus wollen. Du wirst keine Bilder von meinem Essen mehr sehen und du wunderst dich und sagst, dass es eben so läuft, dass ich alles habe und die da drüben nichts. Dass es nichts bringt zu verzichten, damit jemand anderes etwas davon hat. Schließt euch ein in eurem Elfenbeinturm mit dem perfekten Licht für den nächsten Post. Wenn man sich traut, einmal runter zu schauen, dann ist da das Leben. Das echte, vor dem wir Angst haben, weil es manchmal kalt ist und ungerecht und wir die Welt nicht retten können, egal, wo wir hingehen.

Aber ist das wirklich das Ziel? Alles oder gar nichts?

Ich verstehe dich, denn ich bin genau wie du. Wir haben Angst. Wir reden uns aus, dass wir eine Wahl haben, damit wir nichts falsch machen müssen und nichts richtig. Aber du hast eine Wahl. Und die Welt müsste gar nicht so sehr gerettet werden, wenn Du das einsiehst.

Keiner kann dich gebrauchen, wenn Du so bist, wie die Anderen.

2 Kommentare zu „The Kids Are All Wrong

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