Großmutter, warum hast du so große Augenringe

Ich bin diese Woche 23 geworden und habe, wie ich es meistens um meinen Geburtstag herum mache (wie vermutlich viele Leute, wenigstens ab einem gewissen Alter), viel nachgedacht.

Über das letzte Jahr, die kommenden Monate. Was ist das gerade, mein Leben? Will ich das, was jetzt auf mich zukommt überhaupt? Wie sehen die nächsten 2 Jahre für mich aus, was kommt danach?

Ich habe so meine Schwierigkeiten mit dem „alles auf mich zukommen lassen“. Im Moment bleiben wird immer leichter, aber ist eben keineswegs leicht. Bisher klappt es immerhin ganz gut, mich dafür nicht zu verurteilen. Mir viele Gedanken zu machen macht mich irgendwo auch aus und hat mir schon viele gute Situationen beschert.

Jetzt haben wir Samstagabend und die Sache mit der Akzeptanz hat sich ein bisschen. Ich habe es diesmal etwas besser gemacht und akzeptiert, dass ich seit ein paar Wochen einen Rheumaschub habe. Zumindest habe ich nicht schon wieder versucht, komplett über meine Grenzen zu gehen, die Müdigkeit und die Schmerzen zu ignorieren oder auf etwas anderes zu schieben.

Der Umkehrschluss dazu fühlt sich aber schlimmer an. In den eigenen Möglichkeiten zu bleiben hieß diese Woche nämlich, zu meinem Geburtstag nicht wegzugehen, beim Tanz in den Mai zwei Abende zuvor wieder heimzugehen. Ohne tanzen.

Ich hatte mich mit ein paar Fremden (für mich sehr untypisch) in einem Club verabredet. Ich bin neu in der Stadt und habe mit einem anderen Mädel über Facebook geschrieben, die schon eine kleine Gruppe zusammen gestellt hatte. Sie wollten feiern, ich wollte mal wieder tanzen gehen – passt perfekt.

Vorher gingen die Anderen noch in eine Bar, um halb 11 wollte man sich vor dem Club treffen. Da ich keinen Alkohol trinke und nicht zu lange wegbleiben wollte, dachte ich, sparst du dir deine Kräfte und gehst erst zum Treffpunkt am Club.

Ich habe ein Problem – zumindest scheint es in meiner Altersklasse eins zu sein: Ich bin pünktlich und halte mich echt gerne an Verabredungen. Das wird mir immer wieder zum Verhängnis. Um viertel vor 11 schrieb ich ihr dann mal, ob sie schon irgendwo seien oder noch unterwegs. Die Antwort kam kurze Zeit später: Wir kommen erst gegen halb 12.

Um mich herum war das Publikum 35-55 und es war kaum etwas los – klar, man geht nicht um halb 11 in einen Club und erwartet, dass es brechend voll ist. Aber ich konnte und wollte nicht warten: Unter den Blicken von Mittfünfzigern männlichen Geschlechts nüchtern an einer Bar sitzen und auf ein paar Fremde warten, die ich vielleicht nicht mal mögen werde? Nenn‘ mich einen Pessimisten, aber das ist nicht meine Idee von Spaß.

Das Rumstehen und Warten hatte sich mittlerweile auch an meinen Gelenken bemerkbar gemacht, also bin ich heimgefahren und hab mich heulend ins Bett gelegt. Auf meine Erklärung, warum ich gegangen bin, als sie mir dann schrieb, sie seien ja jetzt da…?

Keine Antwort. Naja, was soll’s. Ich war auch weniger wütend/traurig auf die Leute, als auf mich selbst und meinen Körper.

Nach dieser Episode habe ich zwei Tage später, als ich an meinem Geburtstag ins Theater wollte und es jetzt nicht ging, weil ich vor Müdigkeit die Augen nicht offen halten konnte, wirklich etwas zu knabbern gehabt.

Aber steckt dahinter neben dem Wunsch, einfach unbeschwerter sein zu können, nicht auch der Drang nach Akzeptanz? Nach: Oh, mein Leben muss sich so cool und so spannend anhören wie das von allen andern Leuten? (Rational betrachtet eine sehr unwahre Unterstellung, dass das auf alle zutrifft. Und ist ja wirklich Definitionssache.)

Ja, es nervt manchmal, sich zu fühlen wie eine Großmutter. Eben dieselben Werte zu vertreten wie eine Großmutter und sich zu sensibel zu fühlen für Generation Fast Everything. Im Bett zu liegen mit Netflix, nicht, weil man die gehypte Serie gucken will, sondern weil man nichts anderes hinkriegt, wenn morgen wieder die Uni angesagt ist. Oder man schon eine Sache diese Woche geplant hat und sich nichts Anderes aufladen kann.

Ich hab mir für mein neues Lebensjahr gesagt, dass das nichts mit Jammern zu tun hat. Sondern damit, anzuerkennen, wenn ich etwas nicht kann (und das mich das auch stören darf). Aber eben auch zu fragen, warum mich das genau so ärgert – und was ich mit meinen Fähigkeiten in meinem Rahmen tun kann, um trotzdem fröhlich zu sein.

Und so war die Großmutter heute wenigstens spazieren und legt sich jetzt mit Netflix und Schokokuchen ins Bett. Da gibt es noch diese Serie…

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