Richard

Auszug aus einem Projekt, den ich jetzt endlich veröffentlichen kann.


Er sollte schon hier sein. Ein Tropfen Blut war dabei, von ihrem Finger auf dem Boden zu gleiten, doch er tat es nicht. Als würde die Tatsache, dass er noch etwas länger an ihr zu hängen gedachte, etwas daran ändern, dass sie starb.

Nichts war so gekommen, wie sie es sich ausgedacht hatte.

Ein Sommertag war es gewesen, ein gewöhnlicher, wenngleich etwas zu kalt. Klimaerwärmung am Arsch, dachte sie und lachte, denn wer dachte schon in den letzten Minuten seines Lebens darüber nach, ob er in seinem Kleid etwas gefroren hatte und über meteorologische Phänomene?  War das überhaupt der richtige Ausdruck? Sie hustete und es tat weh, es war augenscheinlich, dass sie das nicht zu oft machen sollte.

Sie hatte mit dem Zeigefinger den Rand ihres Kaffeebechers nachgezogen. George sah wie immer besorgt aus, als würde sie sich damit Schnittwunden zufügen.

Ich hab Angst, auf ein Ende zu warten, das nicht kommt. Hatte er Schluss gemacht? Wartete sie vielleicht vergeblich und sollte eher eine andere Nummer wählen als seine, eine, bei der einem vielleicht ausnahmsweise wirklich geholfen wurde? Julika hatte keine Lust, zu erklären, wie das passiert war, was ihr weh tat, ihren Namen wollte sie nicht sagen und auch nicht ihre Adresse. Finden sollten sie sie nicht, nicht so, nicht, bevor das Drama seine Katastrophe erfahren hatte.

Fast zu kontrolliert fuhr sie mit ihren Augen die Fliesen der Küchenwand nach. Sie sah hoch, soweit sie das noch konnte, es wurde langsam etwas verschwommen. Das Tablet hing immer noch da, an die Wand geklebt mit Klebeband, immer etwas drohend, kaputt zu gehen, immer etwas herausfordernd, seinen Betrachter fragend, wann es herunterfallen würde. Scheinbar kurz vor dem Zusammenbruch und dann hing es doch noch da, kalt und berechenbar.

Sie erinnerte sich an ein Gedicht, das sie gelesen hatte, als sie noch etwas leichter atmen konnte und George noch nicht so grauenhaft unpünktlich war.

Es vergeht kein Tag in Paramount

Und nichts ist dort geschehn

Du hebst die Hand, ich seh dich nicht

Ich hab dich nie gesehen

Sagst Du ‘Ich liebe dich zu sehr’

Du bist nicht mehr der gleiche

Der König stirbt, er tut’s für mich

Betritt das Totenreich

Ein Anderer sieht’s

Und hebt mich auf

Ich frag nicht mal, warum

Das Schicksal nimmt den gleichen Lauf

Es hält mich bloß für dumm.

Warum gerade jetzt, wusste nicht sie nicht und sie hatte keine Zeit, über den Sinn oder Nicht-Sinn nachzudenken. Sie nahm Vogelzwitschern wahr oder war das nur Blut, ihr eigenes, dass sie rauschen hören konnte?

Sie hatte keine Todessehnsucht, zumindest glaubte sie das. Warmes Licht kam in das Zimmer und wärmte ihren kalten Körper. Sie wusste nicht, warum ihr das Leben gerade nochmal einen Streich spielen wollte, sie noch einmal ihrer Sinne bewusst werden ließ. Kein schlechter Trick, dachte sie, aber es wird nichts nützen. Ich habe alles gefühlt und gesehen, wieso sollte ich noch eine weitere Variante von etwas Bekanntem kennenlernen. Lass mich gehen.

Sie blickte, jetzt etwas unsicherer, um sich herum. Ein Koffer lag am Ende des Raumes. Er war vorher nicht da gewesen, genauso wie der Boden, der jetzt dunkles Parkett war statt einer hellen Fliese.

Es floss kein Blut mehr und ihr Kopf war nicht mehr so leicht und so schwer zur gleichen Zeit. Sie schüttelte ihn und bemerkte, dass sie auf ihrem Bett saß. Jemand bewegte sich neben ihr. Drehte sich, schlief wieder weiter, mit ruhigen Atemzügen. George, dachte sie beruhigt und war sich sicher, geträumt zu haben.

Sie lachte leise, um ihn nicht zu wecken und platzierte ihren Hinterkopf auf dem Kissen. Sie wollte weiter schlafen und vielleicht weniger Verwirrendes träumen, sie hatte doch morgen ihre Prüfung. Oder war es schon heute, es schien langsam hell zu werden. Verrückt, dachte sie, noch keine richtige Ärztin und alles, wovon ich träume ist Blut, und Tod.

Sie dachte an etwas Glücklicheres, ihr letzter Abend mit George, bei dem sie beide zu viel Wein getrunken hatten und er ihr sagte, dass er sie liebte. Das Gefühl aus dieser Nacht überschwemmte sie und sie fühlte sich leicht.

Doch als sie die Augen schloss, spürte sie, wie sie fiel.

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