Das Besondere am Nichts

Mentale Gesundheit oder Bin ich normal?

Ich hab mich schon früh von dem Gedanken verabschiedet, normal zu sein. Da gab es in der Kindheit und als Teenager (jetzt höre ich mich an wie eine Großmutter) diese beiden Phasen. Einmal die, in der man möglichst normal sein wollte, um zu mindestens einer Gruppe zu gehören. Und die, in der man möglichst anders sein wollte, bis dann alle anders waren und man auch wieder eine Gruppe gründen konnte.

Mittlerweile ist der Tenor ja schon fast: Normal sein, das gibt es gar nicht und wer will schon normal sein und alle frohlocken in ihrer Individualität. Schaut man sich die Menschen dann genauer an, stellt man fest, dass Persönlichkeitstests schon ihre Daseinsberichtigung haben: So viele individuelle Menschen“typen“ gibt es einfach nicht.

Mein größtes Problem daran zuzugeben, dass ich (wieder) Probleme mit dem Oberstübchen habe und mehr Hilfe brauche, als es fremden Leuten im Internet zu erzählen oder denen, die meine DNA teilen, war die Sache mit der Normalität.

Gerade im englischsprachigen Raum werfen zwar viele lifestylemäßig die Begriffe anxiety, depression, therapy etc herum. Man hat aber noch lange keine Angststörung, nur weil man nicht gerne Präsentationen hält oder vor einem Date aufgeregt ist. Und das Liebeskummer nicht immer eine Depression nach sich zieht, sollte auch klar sein…auf Social Media sind wir immerhin alle super bewusst über mentale Gesundheit. Und unser Therapeut ist immer unser bester Freund.

Es stört mich nicht, dass das Thema an die Öffentlichkeit kommt, da mache ich auch mit und ich finde es wichtig. Aber ich glaube, ich hasse (pun intended) im Gegensatz zu den meisten Leuten einfach Extreme.

Depression heißt meistens nicht, mit Emo-Kajal weinend am nass geregneten Fenster zu sitzen. Panik kriegen, das ist nicht nur was für die Drogenabhängigen am Frankfurter Hauptbahnhof, die vor sich hin halluzinieren.

Aber genauso lieben es die Leute, wenn sie sich’s so vorstellen können.

Das andere, neue Extrem ist dann die Instagram-Influencerin, die die immer gleichen Self-Care Tipps durch die Mühle dreht.

Denn, liebe Kinder, ihr wisst ja: Viel Wasser trinken, teuer Detox-Tee schlürfen und dann in der 70-Euro Yogahose im perfekt ausgeleuchteten Zimmer die Sonne grüßen. Am besten in einem Hotel am Strand.

Und schon seit ihr wieder starke, selbstbewusste Frauen, die sich an schlechten Tagen einfach zu helfen wissen.

Die Frage, die ich mir so lange gestellt hatte, war immer die gleiche.

Und wie passe ich da rein?

Damals auf dem Schulhof und heute, wenn ich nach langer Zeit, scheinbar aus dem Nichts heraus mit einer Panikattacke im Uni-Hörsaal sitze.

Es ist Mai, ich bin gerade 23 geworden und versuche, dem sympathischen Prof bei seinen Ausführungen über die allgemeine Informatik zu folgen. Ich sitze in der Mitte einer langen Reihe, zwischen den neuen, netten Gesichtern einiger Kommilitonen.

Ich habe gerade das Masterstudium begonnen, bin in einer neuen Stadt und kann mich nicht beklagen. Dann kommt sie. Die Angst, Luftnot gepaart mit Schweißausbrüchen, ich will raus, aber ich kann nicht und es ist mir unangenehm, die Leute neben mir zum aufstehen zu bringen. 5 Minuten draußen und ich fühle mich, als wäre ich aufgewacht.

Es ist nichts passiert.

Und so geht es seit 2,3 oder 4 Monaten, mit Unterbrechungen seit 2,3 oder 4 Jahren. Irgendwann weiß man nicht mehr, wann es angefangen hat, man sucht Erklärungen, wo keine sind und die Spirale dreht sich weiter nach unten.

Es gibt keinen Körper, kein Gesicht, keinen Lebenslauf, der sagt: So sieht es aus, wenn man psychische Probleme hat.

Es gibt auch nicht die eine Erklärung, denn die eine Art, um zu heilen gibt es auch nicht. Es ist ein bisschen wie dieses Kinderspiel mit den Schlangen und den Leitern, mal geht es bergauf, man denkt, man kann gewinnen und fällt die Treppe doch wieder runter.

Dann fange ich eben nochmal von vorne an.

Dieser Text ist aus der Frage heraus entstanden, was ich mit der Schreiberei anfange. Ich dachte, ich müsste aufhören. Ratgeber-Artikel und Motivation liegt mir nicht, kreatives Schreiben ist zu sporadisch, schließlich arbeite ich immer recht lange an sehr vielen Projekten.

Über mich schreiben? Ah, das liest doch keiner und überhaupt, da sind so viele Themen, das läuft dann nicht mit dem Branding. Da wissen die Leute ja gar nicht, weshalb sie meinen Blog lesen sollen.

Dabei ist es egal, ob einer das liest oder tausende Leute, was mir natürlich lieber wäre, denn in uns allen steckt ein kleiner Narziss (immer schön von Seen fernhalten). Und dann denke ich daran, wie viele „Lifestyleblogs“ ich so gelesen habe.

Und wie ich finde, dass es für manche Themen im deutschsprachigen Raum immer noch zu wenig Sprachrohre gibt.

Wenn ich es so betrachte, ist es eigentlich gar nicht so kompliziert.

2 Kommentare zu „Das Besondere am Nichts

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