Lass‘ Dich tragen und fühle

Über (neues) Körperbewusstsein und alte Muster

Die Treppenstufen in das dritte Stockwerk, das Dachgeschoss, sind eine erste Hürde. Unten stehen Leute und warten, hinter mir kommen die anderen und mein potentieller neuer Nachbar.

Stehen bleiben? Ist nicht.

Wir haben alle dasselbe Ziel, die aktuell einzige freie, bezahlbare Wohnung in der Kölner Altstadt-Süd anzusehen. Das Haus ist alt, die Treppen knarren unter unseren Füßen, und es gibt nicht mal eine Vermieterin, der man was vorschleimen kann. Angesehen, Unterlagen abgegeben? Paris, Athen, auf…ihr wisst schon.

Und dennoch, ich stehe gerade zwischen zwei Interessenten und dem Aushilfs-Makler, als ich merke, dass ich erschöpft bin von den Stufen, dass mein Herz rast wie nach einem Marathon und ich mich leicht unwohl fühle.

Ich kann mal wieder nicht raus, aber heute geht das nicht anders, du musst zuhören, Dir alles ansehen, deine Sachen abgeben, nett verabschieden und dann die Treppe normal runter gehen. Rennen geht nicht, was macht das für einen Eindruck.

Alles läuft irgendwie automatisch ab, zwar sage ich mir kurz, dass das Herzrasen bei meiner Kondition gerade normal ist und dass ich es schon schaffen werde, danach merke ich aber nichts mehr.

Einfach machen und danach richtig durchatmen. Geschafft. Jetzt heißt es wirklich warten.

Ich habe heute gefrühstückt und sogar auf dem Rückweg Nachhause im Auto gegessen. Ich hatte Hunger und wusste, dass ich diesen Zustand nicht mehr lange ziehen darf. Sobald die Möglichkeit zum Essen da ist, muss ich es tun.

Die Dinge schmecken wieder, schmecken wieder anders. Eine Kugel Haselnuss-Eis schmeckt wie eine ganze Tüte Haselnüsse auf ex, der Kartoffelauflauf mit Sahne nach einer Kindheitserinnerung. Ein Kinder Bueno erinnert mich an die Netflix-Abende mit meiner Schwester und das Teilchen vom Bäcker an lange Gespräche mit meiner Mama.

Alles hat Bedeutung, auch jetzt, wo ich mich kurzzeitig total überfressen fühlte und Panik bekam. Aber es ist nichts passiert, das war das wichtigste.

Dass Genuss nicht falsch, sondern toll und wichtig ist, ist die Erkenntnis der letzten Tage. Und dass man soviel planen kann, wie man will, was passiert, wird passieren.

Manchmal ist das schwierig für jemanden, der alle Eventualitäten im Kopf viermal durchrechnet und dann immer noch nicht zufrieden ist.

Der alles schnell haben will, und 5 Tage essen waren doch jetzt genug, bin ich jetzt gesund?

Man kann nur atmen, das ist das Einzige, was man bestimmen kann. Ein, aus. Normal tiefer. Ein, aus.

Das Druckgefühl in der Brust lässt nach, sie werden leichter, das Atmen und Denken.

Und das Hoffen, das funktioniert langsam auch wieder.

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